Selbstwirksamkeit - Das Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten
Bildung für nachhaltige Entwicklung befähigt Menschen zum nachhaltigen Gestalten ihrer Lebenswelt, baut bei allen Beteiligten Gestaltungskompetenzen auf und lässt sie Selbstwirksamkeit erfahren. Unter Selbstwirksamkeit wird durch das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten etwas verändern zu können, die Gewissheit verstanden, eine Anforderung mit den eigenen Fähigkeiten auch meistern zu können/erfolgreich umzusetzen, ganz nach dem Motto »Ich werde es schaffen«. Dieses Vertrauen zu fördern, ist eine zentrale Aufgabe von BNE.Studien haben nachgewiesen, dass die Erwartung von Menschen an ihre eigene Selbstwirksamkeit wichtiger für ein nachhaltigeres Verhalten ist als das Wissen um Nachhaltigkeit selbst. Selbstwirksamkeit kann grundsätzlich bei Allen ge- und befördert werden. Insbesondere das Gefühl kollektiver Selbstwirksamkeit – also dass wir als Gruppe Anforderungen gemeinsam meistern können, hat einen stärkenden Effekt auf alle Beteiligten.
Selbstwirksamkeitserwartungen können im Rahmen von Bildungsangeboten unter anderem durch das Setzen von Nahzielen und die Unterstützung von Bewältigungsstrategien sowie eine motivational günstige Selbstbewertung gefördert werden. Wichtig für Selbstwirksamkeitserfahrungen ist das Handlungswissen, also Wissen über Handlungsmöglichkeiten im jeweiligen Kontext. Handlungswissen/-kompetenz ist jeweils lösungsorientiert und beinhaltet Informationen und Möglichkeiten, wie ich mich (bestmöglich) nachhaltig verhalten kann und welche Verhaltensweisen auch wirklich wirksam sind. Allein schon das Wissen über eine Auswahl von Verhaltensmöglichkeiten kann ein Gefühl der Kontrolle über die Situation und nachhaltiges Verhalten geben. Diese Einschätzung hilft uns, eine entsprechende Bewertung treffen und daraus ein entsprechendes Verhalten tätigen zu können.
Oft müssen Fähigkeiten für nachhaltige Verhaltensweisen auch erst mal erlernt und trainiert werden, wie z.B. das korrekte Trennen von Müll, das Reparieren elektrischer Geräte oder ökologisches Gärtnern. Ganz wichtig ist der gemeinsame Erfahrungsaustausch, der im "Learning by doing" Kompetenzen vermittelt und nachhaltiges Verhalten erleichtert. Das können vegetarische/ vegane Kochabende sein, die gemeinsame Arbeit in Fahrradwerkstätten und Gemeinschaftsgärten oder Kleidertauschaktionen. Auch Projektarbeit oder Vorträge kombiniert mit thematisch passenden Aktionen eignen sich dafür. Neben dem Trainingseffekt bietet der Erfahrungsaustausch Möglichkeit zu Selbstwirksamkeitserfahrung sowie zum Erleben von sozialen Zugehörigkeitsgefühlen und positiven Emotionen, die wir mit nachhaltigem Handeln verknüpfen. Beim Training von Kompetenzen ist darauf zu achten, dass die Handelnden viele Erfolgserlebnisse haben, um ihre Motivation langfristig aufrechtzuerhalten und zu fördern. Ein Kompetenztraining sollte daher in kleinen Schritten vorangehen, Fehler zulassen und konstruktiv reflektieren z.B. mittels Reflexionsgesprächen, um gemeinsam praktikable Lösungen zu finden, ein angemessen hohes Aufgabenschwierigkeitsniveau haben, das einen Alltagstransfer zulässt und für zeitliche Nähe zwischen dem Training und der tatsächlichen Umsetzung sorgen. Handlungswissen sollte einfach und für die Zielgruppe relevant und nützlich sein. Im Training sollte Handlungswissen auf Vorwissen aufbauen und Übertragbarkeit fördern, sowie Positiv- und Negativbeispiele enthalten. Im besten Fall ist es auf die spezifische Handlungssituation der Zielgruppe zugeschnitten. Denn Informationen, die nicht auf unser direktes Lebensumfeld passen, bewirken in der Regel wenig verhaltensändernde Effekte.
Zudem wollen wir wissen, ob wir wirklich so wirksam handeln, dass es einen Unterschied macht. Feedback über unser Verhalten und Verhaltensänderungen kann unsere Selbstwirksamkeit stärken. Besonders wirkungsvoll sind häufiges Feedback und die Kombination mit sozialen Normen.
ABER wir sollten nicht nur den einzelnen Menschen und sein Verhalten, sondern auch stets den Handlungskontext und die Möglichkeiten, die er bietet, betrachten. Denn Handlungssituationen können bestimmte Verhaltensweisen entweder ermöglichen oder nicht ermöglichen bzw. erleichtern oder erschweren. Die Situation hat dadurch einen beträchtlichen Einfluss auf ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Verhalten und die individuelle Motivation.
Um ein nachhaltigeres Verhalten wahrscheinlicher zu machen, brauchen wir zuerst praktikable Möglichkeiten, um uns wirklich zukunftsfähig verhalten zu können. In manchen Fällen fehlen infrastrukturelle Maßnahmen, in anderen Fällen finanzielle Maßnahmen. Bevor wir also versuchen, das bewusste nachhaltige Verhalten von Menschen zu fördern, sollten wir uns fragen, ob für sie überhaupt Möglichkeiten zum Handeln bestehen. Wenn dies nicht der Fall ist, sollte unsere erste Aktion sein, diese Möglichkeiten zu schaffen.
BNE als Bildungskonzept ist dabei kein beiläufiges Stilmittel, sondern leitet uns an, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Gesellschaftliche Zukunft entsteht dabei nicht nur im hippen Startup-Büro oder bei der Entwicklung von neuen Verbrennungsmotoren. Sie passiert auch im Kita-Stuhlkreis, in den Klassenräumen, den Ausbildungsbetrieben, Vorlesungssälen, Bürger*innentreffs, in der Verbands- oder Vereinssitzung. Bildung für nachhaltige Entwicklung ist ein Lösungsweg, Zukunft lebenswert zu gestalten.
Mentale Infrastrukturen – oder wie beeinflussen unsere Denkmuster und kulturellen Praktiken Nachhaltigkeit?
November 2020
Gesellschaften werden immer mentale Infrastrukturen haben, die Frage ist nur: Welche? Der Begriff Mentale Infrastrukturen wurde von dem Sozialpsychologen Harald Welzer geprägt und in die Postwachstums-Debatte eingebracht, um die Rolle von Denkmustern und kulturellen Praktiken für gesellschaftliche Veränderungen zu beleuchten.
Um den Begriff besser zu verstehen, hilft es, sich zunächst klarzumachen, was „Infrastrukturen“
eigentlich sind. Infrastrukturen haben eine wichtige Funktion in der Gesellschaft, sie ermöglichen erst
die mehr oder weniger reibungslose Organisation und Versorgung von vielen Menschen. Sie geben
Orientierung und vereinfachen das Leben. Man kann zwischen materiellen, institutionellen und
mentalen Infrastrukturen unterscheiden. Zu den materiellen Infrastrukturen gehören z. B. Straßen,
Supermärkte oder Stromnetze. Unter institutionellen Infrastrukturen versteht man Strukturen wie
das politische System, Gesetze und Gerichte. Und die mentalen Infrastrukturen schließlich sind
geteilte Denkmuster einer Gesellschaft. Darunter fallen grundlegende Werte, aber auch implizite
Regeln und kulturelle Praktiken, geteilte Geschichten eines Literaturkanons und gemeinsame ästhetische Vorstellungen. Diese mentalen Infrastrukturen helfen uns, uns innerhalb einer Gesellschaft mehr oder weniger leicht verständigen zu können, weil wir ähnliche Vorstellungen von der Welt haben, an die man anknüpfen kann.
Infrastrukturen im Allgemeinen – und damit auch mentale Infrastrukturen – sind also prinzipiell notwendig für eine Gesellschaft. Gesellschaft ist ohne Infrastrukturen nicht denkbar. Der Begriff „Mentale Infrastrukturen“ ist somit zunächst einmal wertneutral. Ein zentrales Merkmal von mentalen Infrastrukturen ist, dass sie uns nicht bewusst sind. Es sind Denkstrukturen wie Vorstellungen von Wachstum, Entwicklung, Fortschritt und Wettbewerb, die in der Gesellschaft und uns Individuen tief eingeschrieben und für uns so normal sind, dass sie uns als natürlich erscheinen (unser alltägliches Tun und Handeln beeinflussen) und gar nicht mehr reflektierbar sind, obwohl sie vielleicht noch gar nicht so alt sind. Sie stehen jedoch einem Wandel hin zu einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft im Weg.
Ein Beispiel: Fragen des Verkehrs sind in modernen Menschen tief verwurzelt. Kein Mensch, der in Europa aufgewachsen ist, käme heute mehr auf die Idee, dass Dinge wie Einbahnstraßen, Zebrastreifen, Autobahnen, Ampeln, Parkuhren usw. sukzessive mit der Automobilisierung gewachsene und daher historisch äußerst junge Einrichtungen unserer Lebenswelt sind. Die erste deutsche Ampel leuchtete 1924 in Berlin, die ersten Zebrastreifen wurden 1952 in München auf die Straße gemalt, die ersten Parkuhren führte Duisburg 1954 ein. Gefühlt sind solche Einrichtungen für heute lebende Menschen «schon immer» da; schließlich regeln sie unser Alltagsleben und unsere Bewegung durch öffentliche Räume so tief und mit derselben Selbstverständlichkeit ihres Da- und So-seins, wie etwa die Infrastrukturen der Abwasserentsorgung sicherstellen, dass unsere Ausscheidungen auf immer im Unsichtbaren verschwinden, oder die Stromversorgung gewährleistet, dass es hell wird, wenn man auf den Lichtschalter drückt.
Mentale Infrastrukturen werden auch – und vielleicht vor allem – geprägt in Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmustern, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Diese Infrastrukturen sind in modernen Gesellschaften nicht nur bestimmt von spezifischen Produktions-, sondern auch von Konsumtionsverhältnissen. Ein Beispiel: Das allermeiste von dem, was wir sind und über uns selbst aussagen, steckt in den Produkten, die wir kaufen: Jedes Duschgel erzählt mit seiner präzise designten Flasche und dem von Sounddesignern entwickelten «Plopp», mit dem wir es öffnen, eine Geschichte über uns selbst, wenn wir es benutzen. Genau wie jedes Autohaus eine Geschichte über unsere Liebe zur Technik und zur Geschwindigkeit und jeder Flughafen eine Geschichte über unsere Wünsche und Mobilitätsvorstellungen erzählt.
Unsere Vorstellungen über Freiheit, Mobilität, Glück etc. sind durch historisch spezifische Wirtschafts- und Gesellschaftsformationen geprägt wie auch unsere Lebenslaufkonzepte und Biographiemuster. Die Außenwelt übersetzt sich bei uns Menschen deshalb immer auch in ihre Innenwelt, weil wir – wie die Neurobiologie zeigt – über ein plastisches Gehirn verfügen, das all unsere Mitwelterfahrungen im Verlauf der Ontogenese in die neuronale Verschaltungsarchitektur des sich stets weiter entwickelnden Gehirns einbaut, wodurch unser Gehirn zeitlebens umbaufähig und damit lernfähig bleibt. Unser Gehirn ist damit ein biokulturelles Organ, dessen Entwicklungsbedingungen nicht allein biologische, sondern immer auch kulturelle sind. Um bei der Gehirnforschung zu bleiben: Die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns und damit auch seine innere Organisation und Strukturierung wird von einem ziemlich banalen Grundprinzip bestimmt: Energie sparen. Das gilt für alle lebenden Systeme, also für jeden Zellverband, jeden Organismus, eine soziale Gemeinschaft oder ein Ökosystem. Sie alle gehorchen dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik und müssen deshalb versuchen, den zur Aufrechterhaltung ihrer Funktionsfähigkeit und ihrer Integrität erforderlichen Energieverbrauch so gering wie möglich zu halten. Sonst zerfallen sie. Der Zustand, in dem ein Gehirn, ein ganzer Mensch und auch eine menschliche Gemeinschaft am wenigsten Energie verbraucht, heißt Kohärenz. Damit sich Gewohnheiten, Denkmuster und Verhalten ändern, muss das bisherige System/Muster/Verhalten mehr Energie kosten (inkohärent sein) als das neue Muster/Verhalten, auf das dann, weil es weniger Energie verbraucht und zu einem Kohärenzzustand des Gehirns, des ganzen Menschen beiträgt, bewusst ausgewichen wird und sich dieses neue Verhalten zu eigen gemacht wird (es wurde dafür eine Lösung gefunden, die den Kohärenzzustand wiederhergestellt hat).
Veränderungen im Gesellschaftsgefüge bringen andere Sozialformen und andere Praktiken und damit psychisch andere Menschen mit anderen Bedürfnissen hervor. Für Welzer sind unsere Vorstellungen von kontinuierlichem Fortschritt, von Wachstum und Entwicklung, die in der Moderne entstanden sind, die zentralen mentalen Infrastrukturen, die uns daran hindern, eine nachhaltige Gesellschaft zu denken und umzusetzen. Viele unhinterfragten Werte und kulturelle Praktiken, die unser Leben heute prägen, hängen mit dieser Grundstruktur zusammen. Es lohnt sich also, sich diese unbewussten Denkstrukturen bewusst zu machen und sie zu hinterfragen. Zudem gibt es zahlreiche gelebte Praxisbeispiele, wie es auch anders geht. Eine autofreie Stadt wie Hasselt erzählt genauso eine Geschichte über die Möglichkeit einer anderen Praxis von Mobilität wie der in eine Fußgängerzone verwandelte Broadway in New York. Ein Textilunternehmen, das «cradle to cradle» produziert, dokumentiert das Existieren anderer Möglichkeiten ebenso wie Grameen Shakti, die flächendeckende Installierung von Solarenergiepanels auf der Basis von Mikrokrediten in Bangladesch, usw.
Um unsere mentalen Infrastrukturen auch zu tangieren, brauchen wir Produkte, die uns in anderen Formaten erzählen, und wir brauchen eine Geschichte, die wir über uns selbst erzählen können – und zwar aus der Perspektive einer möglichen Zukunft: Wer möchte man einmal gewesen sein? Wie möchte man die Welt eingerichtet und hinterlassen haben? Es bedarf einer Vision, die emotional und identitätsträchtig ist, eine Formulierung der Frage, wie man im Jahr 2025 (2030, …) leben möchte. Kategorien wie Verantwortung, Gerechtigkeit, Zukunftsfähigkeit, gutes Leben sind hier Orientierungsmarken. Solche Kategorien haben Entsprechungen in unserer Lebenswelt. Die Transformation zur Post-Wachstumsgesellschaft ist kein Projekt, das Ökonomie und Technologie bewältigen könnten, (denn beide sind nur so klug oder so dumm wie die politische Figuration, in der sie wirksam werden). Die Etablierung neuer mentaler Infrastrukturen kommt nicht ohne neue Leitvorstellungen aus, die sich in unsere Alltagsvollzüge und Lebensstile, in die Selbstkonzepte und Zukunftshorizonte einschreiben müssen. Die Erfindung einer Gesellschaft nach dem Wachstum ist ein zivilgesellschaftliches Projekt, dessen Umsetzung wir an niemanden delegieren können.
Das Konzeptwerk Neue Ökonomie aus Leipzig arbeitet seit mehreren Jahren mit diesen Themen in der eigenen Bildungsarbeit und in der Arbeit mit Multiplikator*innen.
Harald Welzer (2011): Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam. Berlin: https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Mentale_Infrastrukturen.pdf
Gerald Hüther (2018): https://www.gerald-huether.de/free/Weihnachtsbotschaft_2018.pdf
Um den Begriff besser zu verstehen, hilft es, sich zunächst klarzumachen, was „Infrastrukturen“
eigentlich sind. Infrastrukturen haben eine wichtige Funktion in der Gesellschaft, sie ermöglichen erst
die mehr oder weniger reibungslose Organisation und Versorgung von vielen Menschen. Sie geben
Orientierung und vereinfachen das Leben. Man kann zwischen materiellen, institutionellen und
mentalen Infrastrukturen unterscheiden. Zu den materiellen Infrastrukturen gehören z. B. Straßen,
Supermärkte oder Stromnetze. Unter institutionellen Infrastrukturen versteht man Strukturen wie
das politische System, Gesetze und Gerichte. Und die mentalen Infrastrukturen schließlich sind
geteilte Denkmuster einer Gesellschaft. Darunter fallen grundlegende Werte, aber auch implizite
Regeln und kulturelle Praktiken, geteilte Geschichten eines Literaturkanons und gemeinsame ästhetische Vorstellungen. Diese mentalen Infrastrukturen helfen uns, uns innerhalb einer Gesellschaft mehr oder weniger leicht verständigen zu können, weil wir ähnliche Vorstellungen von der Welt haben, an die man anknüpfen kann.
Infrastrukturen im Allgemeinen – und damit auch mentale Infrastrukturen – sind also prinzipiell notwendig für eine Gesellschaft. Gesellschaft ist ohne Infrastrukturen nicht denkbar. Der Begriff „Mentale Infrastrukturen“ ist somit zunächst einmal wertneutral. Ein zentrales Merkmal von mentalen Infrastrukturen ist, dass sie uns nicht bewusst sind. Es sind Denkstrukturen wie Vorstellungen von Wachstum, Entwicklung, Fortschritt und Wettbewerb, die in der Gesellschaft und uns Individuen tief eingeschrieben und für uns so normal sind, dass sie uns als natürlich erscheinen (unser alltägliches Tun und Handeln beeinflussen) und gar nicht mehr reflektierbar sind, obwohl sie vielleicht noch gar nicht so alt sind. Sie stehen jedoch einem Wandel hin zu einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft im Weg.
Ein Beispiel: Fragen des Verkehrs sind in modernen Menschen tief verwurzelt. Kein Mensch, der in Europa aufgewachsen ist, käme heute mehr auf die Idee, dass Dinge wie Einbahnstraßen, Zebrastreifen, Autobahnen, Ampeln, Parkuhren usw. sukzessive mit der Automobilisierung gewachsene und daher historisch äußerst junge Einrichtungen unserer Lebenswelt sind. Die erste deutsche Ampel leuchtete 1924 in Berlin, die ersten Zebrastreifen wurden 1952 in München auf die Straße gemalt, die ersten Parkuhren führte Duisburg 1954 ein. Gefühlt sind solche Einrichtungen für heute lebende Menschen «schon immer» da; schließlich regeln sie unser Alltagsleben und unsere Bewegung durch öffentliche Räume so tief und mit derselben Selbstverständlichkeit ihres Da- und So-seins, wie etwa die Infrastrukturen der Abwasserentsorgung sicherstellen, dass unsere Ausscheidungen auf immer im Unsichtbaren verschwinden, oder die Stromversorgung gewährleistet, dass es hell wird, wenn man auf den Lichtschalter drückt.
Mentale Infrastrukturen werden auch – und vielleicht vor allem – geprägt in Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmustern, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Außenwelt gebildet sind. Diese Infrastrukturen sind in modernen Gesellschaften nicht nur bestimmt von spezifischen Produktions-, sondern auch von Konsumtionsverhältnissen. Ein Beispiel: Das allermeiste von dem, was wir sind und über uns selbst aussagen, steckt in den Produkten, die wir kaufen: Jedes Duschgel erzählt mit seiner präzise designten Flasche und dem von Sounddesignern entwickelten «Plopp», mit dem wir es öffnen, eine Geschichte über uns selbst, wenn wir es benutzen. Genau wie jedes Autohaus eine Geschichte über unsere Liebe zur Technik und zur Geschwindigkeit und jeder Flughafen eine Geschichte über unsere Wünsche und Mobilitätsvorstellungen erzählt.
Unsere Vorstellungen über Freiheit, Mobilität, Glück etc. sind durch historisch spezifische Wirtschafts- und Gesellschaftsformationen geprägt wie auch unsere Lebenslaufkonzepte und Biographiemuster. Die Außenwelt übersetzt sich bei uns Menschen deshalb immer auch in ihre Innenwelt, weil wir – wie die Neurobiologie zeigt – über ein plastisches Gehirn verfügen, das all unsere Mitwelterfahrungen im Verlauf der Ontogenese in die neuronale Verschaltungsarchitektur des sich stets weiter entwickelnden Gehirns einbaut, wodurch unser Gehirn zeitlebens umbaufähig und damit lernfähig bleibt. Unser Gehirn ist damit ein biokulturelles Organ, dessen Entwicklungsbedingungen nicht allein biologische, sondern immer auch kulturelle sind. Um bei der Gehirnforschung zu bleiben: Die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns und damit auch seine innere Organisation und Strukturierung wird von einem ziemlich banalen Grundprinzip bestimmt: Energie sparen. Das gilt für alle lebenden Systeme, also für jeden Zellverband, jeden Organismus, eine soziale Gemeinschaft oder ein Ökosystem. Sie alle gehorchen dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik und müssen deshalb versuchen, den zur Aufrechterhaltung ihrer Funktionsfähigkeit und ihrer Integrität erforderlichen Energieverbrauch so gering wie möglich zu halten. Sonst zerfallen sie. Der Zustand, in dem ein Gehirn, ein ganzer Mensch und auch eine menschliche Gemeinschaft am wenigsten Energie verbraucht, heißt Kohärenz. Damit sich Gewohnheiten, Denkmuster und Verhalten ändern, muss das bisherige System/Muster/Verhalten mehr Energie kosten (inkohärent sein) als das neue Muster/Verhalten, auf das dann, weil es weniger Energie verbraucht und zu einem Kohärenzzustand des Gehirns, des ganzen Menschen beiträgt, bewusst ausgewichen wird und sich dieses neue Verhalten zu eigen gemacht wird (es wurde dafür eine Lösung gefunden, die den Kohärenzzustand wiederhergestellt hat).
Veränderungen im Gesellschaftsgefüge bringen andere Sozialformen und andere Praktiken und damit psychisch andere Menschen mit anderen Bedürfnissen hervor. Für Welzer sind unsere Vorstellungen von kontinuierlichem Fortschritt, von Wachstum und Entwicklung, die in der Moderne entstanden sind, die zentralen mentalen Infrastrukturen, die uns daran hindern, eine nachhaltige Gesellschaft zu denken und umzusetzen. Viele unhinterfragten Werte und kulturelle Praktiken, die unser Leben heute prägen, hängen mit dieser Grundstruktur zusammen. Es lohnt sich also, sich diese unbewussten Denkstrukturen bewusst zu machen und sie zu hinterfragen. Zudem gibt es zahlreiche gelebte Praxisbeispiele, wie es auch anders geht. Eine autofreie Stadt wie Hasselt erzählt genauso eine Geschichte über die Möglichkeit einer anderen Praxis von Mobilität wie der in eine Fußgängerzone verwandelte Broadway in New York. Ein Textilunternehmen, das «cradle to cradle» produziert, dokumentiert das Existieren anderer Möglichkeiten ebenso wie Grameen Shakti, die flächendeckende Installierung von Solarenergiepanels auf der Basis von Mikrokrediten in Bangladesch, usw.
Um unsere mentalen Infrastrukturen auch zu tangieren, brauchen wir Produkte, die uns in anderen Formaten erzählen, und wir brauchen eine Geschichte, die wir über uns selbst erzählen können – und zwar aus der Perspektive einer möglichen Zukunft: Wer möchte man einmal gewesen sein? Wie möchte man die Welt eingerichtet und hinterlassen haben? Es bedarf einer Vision, die emotional und identitätsträchtig ist, eine Formulierung der Frage, wie man im Jahr 2025 (2030, …) leben möchte. Kategorien wie Verantwortung, Gerechtigkeit, Zukunftsfähigkeit, gutes Leben sind hier Orientierungsmarken. Solche Kategorien haben Entsprechungen in unserer Lebenswelt. Die Transformation zur Post-Wachstumsgesellschaft ist kein Projekt, das Ökonomie und Technologie bewältigen könnten, (denn beide sind nur so klug oder so dumm wie die politische Figuration, in der sie wirksam werden). Die Etablierung neuer mentaler Infrastrukturen kommt nicht ohne neue Leitvorstellungen aus, die sich in unsere Alltagsvollzüge und Lebensstile, in die Selbstkonzepte und Zukunftshorizonte einschreiben müssen. Die Erfindung einer Gesellschaft nach dem Wachstum ist ein zivilgesellschaftliches Projekt, dessen Umsetzung wir an niemanden delegieren können.
Das Konzeptwerk Neue Ökonomie aus Leipzig arbeitet seit mehreren Jahren mit diesen Themen in der eigenen Bildungsarbeit und in der Arbeit mit Multiplikator*innen.
Harald Welzer (2011): Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam. Berlin: https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Mentale_Infrastrukturen.pdf
Gerald Hüther (2018): https://www.gerald-huether.de/free/Weihnachtsbotschaft_2018.pdf
Interkulturalität und BNE
September 2020Interkulturalität ist in Zeiten, in der die Welt aufgrund der Globalisierung immer mehr zusammenrückt, in aller Munde.
Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Leben in verschiedenen Lebenswelten, und daher auch – in größerem oder kleinerem Maße – seine eigene Kultur (einschließlich geographischer, ethnischer, moralischer, ethischer, religiöser, politischer, historischer) resp. kultureller Zugehörigkeit oder der kulturellen Identität.
Im zwischenmenschlichen Umgang betrifft dies einerseits Unterschiede zwischen (klassischen) Kulturen, Regionen, Kontinenten oder Ländern, aber ebenso zwischen Unternehmen oder ihren jeweiligen Abteilungen, zwischen sozialen oder biologischen Geschlechtern, zwischen Minderheitsgruppen (inkl. Subkulturen), zwischen unterschiedlichen Klassen oder Schichten, oder unter Mitgliedern derselben Familie, sofern hier verschiedene kulturelle Werte gelten. Diese kulturbedingten und kulturbezogenen Unterschiede sind nicht nur in der Interaktion relevant, sondern auch in der Entwicklung der eigenen Kompetenz.
Ziel von BNE ist es unter anderem, den Einzelnen zu befähigen, im Zeitalter der Globalisierung aktiv und eigenverantwortlich Zukunft mit zu gestalten: seine eigene, die seiner Heimat/Region, der Welt. Die Ausbildung interkultureller Kompetenz ist damit unerlässlich. Sie ist zum einen für eine Verständigung mit Menschen in anderen Ländern bzw. anderen Kulturen von Nöten, denn hier treten kulturelle Differenzen, unterschiedliche Bräuche, Traditionen und Verhaltensweisen sowie insbesondere auch unterschiedliche religiöse Bekenntnisse offen zu Tage. Zum anderen ist die interkulturelle Kompetenz auch für die Verständigung innerhalb der eigenen Gesellschaft elementar, denn die angeführten Aspekte finden sich tagtäglich in unserem Alltag wieder, egal ob Schule, Kita, Verein, Unternehmen etc.
Empathie mit bewusstem Perspektivwechsel und Reflexion (sich der Position/Perspektive des Anderen bewusst machen, mit dem eigenen Standpunkt vergleichen und schließlich diese andere Perspektive auch in das eigene Urteil einzubeziehen) stellt eine wesentliche Voraussetzung zur Ausbildung interkultureller Kompetenz dar.
Diese umfasst eine situativ angepasste Ausgewogenheit zwischen:
- Kenntnissen und Erfahrungen betreffend anderer Kulturen, Personen, Nationen, Verhaltensweisen etc.
- Neugierde, Offenheit und Interesse, sich auf andere Kulturen, Personen und Nationen einzulassen
- Einfühlungsvermögen (Empathie), die Fähigkeit, sich ins Gegenüber hineinzuversetzen, und das Erkennen und richtige Deuten der Gefühle und Bedürfnisse anderer
- Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein, Kenntnis der eigenen Stärken, Schwächen und Bedürfnisse, emotionale Stabilität und
- kritischer Umgang mit und Reflexion von eigenen Vorurteilen / Stereotypen gegenüber anderen Kulturen, Personen, Nationen, Verhaltensweisen etc.
Wie interkulturelle Kommunikation im Bereich Naturschutz/BNE im Naturpark gelingen kann, erprobte der Umweltsoziologe Dr. Torsten Reinsch mit seiner zweitätigen BNE-Themenwanderung: „Wald und Klimawandel in der Dübener Heide: Eine Wanderung durch Erlebnis- und Konflikträume.“ gemeinsam mit der iranischen Gemeinde. In der ÖkopädNews, Nr. 309, August 2020 erschien dazu sein Artikel, auch nachzulesen unter https://www.umweltbildung.de/oekopaednews.html.
Neben Themenwanderungen sind auch Gärten – hier insbesondere Gemeinschaftsgärten, interkulturelle Gärten – Möglichkeiten und Orte gelebter interkultureller Öffnung und Kompetenz, genauso wie Schule und Kita intensive Lern-Orte der Vielfalt sind.
Vielfalt stellt eine wertvolle Ressource dar, durch die wir uns stetig weiterentwickeln können und Lösungen finden für alle Herausforderungen, vor denen wir stehen. Das kann aber nur gelingen, wenn wir eine Haltung der Offenheit und des Lernens einnehmen.
Zum Begriff der Interkulturalität
(siehe hierzu auch https://www.umweltbildung.de/ikdef.html?&print=1)
Unter “Interkulturell“ verstehen wir anzuerkennen, dass Menschen verschieden sind, dass sie sich unterscheiden in Sprache und Verhalten, darin, wie sie sich darstellen und verständigen, wie sie leben und arbeiten. Das macht die Kultur eines jeden Menschen aus.
Interkulturalität beschreibt das Verhältnis zwischen unterschiedlichen Lebensweisen. Dabei geht es darum, die Perspektive des jeweils anderen einzunehmen, ohne vorschnell Schlüsse zu ziehen. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden. Um das Andere zu verstehen, muss man sich seines eigenen Blickwinkels gewahr werden. Die fremde und eigene Kultur treten damit in eine produktive Beziehung des gegenseitigen Austausches.
Interkulturelle Öffnung verfolgt das Ziel, Zugangsbarrieren für Minderheiten abzubauen, um ihre Teilhabechancen in der Gesellschaft und in Institutionen zu erhöhen.
Interkulturelle Öffnung ist ein Organisationsentwicklungsprozess, in dem Einrichtungen die eigenen Strukturen kritisch betrachten, Zugangsbarrieren aufdecken und Bedürfnisse von Teilnehmenden und Mitwirkenden berücksichtigen. Dies führt schließlich auch zu einer Stärkung der Organisation und sichert ihren Fortbestand. Auf individueller Ebene zielt der Prozess der Interkulturellen Öffnung darauf ab, Mitarbeitende für kulturelle Vielfalt zu sensibilisieren und gemeinsam Handlungsstrategien zu entwickeln sowie diese konstruktiv mit all ihren Potentialen zu nutzen.Interkulturelle Öffnung bezieht sich auf den generellen Abbau von Barrieren, nicht nur im Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch im Hinblick auf Geschlecht, Behinderung, Alter, sexuelle Orientierung oder andere Aspekte. Die Erfahrung zeigt, dass der Abbau von Barrieren, an denen zum Beispiel Geflüchtete scheitern, letztlich allen Mitgliedern der Gesellschaft zugutekommen.
Interkulturelle Kompetenz umfasst die Akzeptanz von Verschiedenartigkeit und die Fähigkeit alltägliches „Schubladendenken“, ggf. vorhandene Klischees oder Vorurteile zu identifizieren und zu hinterfragen. Durch eine vorurteilsbewusste Haltung wird eine Ausgrenzung aufgrund vorgefertigter Denkmuster aktiv vermieden. Es geht auch um die Fähigkeit, sich einzumischen und neben persönlichen Verhaltensweisen auch institutionelle Praktiken, die Diskriminierung und Unterdrückung aufrechterhalten, zu verändern.
Transformative Bildung durch transformatives Lernen
August 2020
Bildung wird eine wichtige Rolle zugesprochen für einen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit.
Doch bringt uns immer weitere Wissensvermittlung einer nachhaltigen Gesellschaft wirklich näher? Was brauchen Menschen, um einen Wandel hin zu einer gerechten und zukunftsfähigen Welt aktiv mitgestalten zu können? Oder anders gefragt: welche Art von Bildung brauchen wir, die zu einem tiefgreifenden Wandel beiträgt? Welche tief verinnerlichten Denkmuster und Überzeugungen („Bedeutungsperspektiven“) stehen einem solchen Wandel im Weg? Was müssen wir auch verlernen, um unsere Handlungsmöglichkeiten zu erweitern?
Rund um diese Fragen hat sich in den letzten Jahren das Schlagwort Transformative Bildung etabliert. Vielfältige Hoffnungen sind damit verbunden. Transformative Bildung soll auf die aktuellen globalen Nachhaltigkeitsherausforderungen antworten und endlich ermöglichen, die Lücke zwischen Wissen und Handeln zu schließen. Die Konzeption einer transformativen Bildung wurde vor allem durch das Gutachten „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ des WBGU (2011) bekannt. Etymologisch lässt sich Transformation ableiten von „transformare“, d. h. umgestalten oder verwandeln. Transformation beschreibt folglich einen spezifischen Typus sozialen Wandels und (in Abgrenzung zu Transition) nicht nur den Wechsel von politischen Regimen, sondern tiefgreifende Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft.
Im Zentrum der Ansätze des transformativen Lernens steht die Frage, auf welche Weise Lernprozesse
bei Menschen zur Transformation ihrer bisherigen Einstellungen, (Vor-)Urteile und Meinungen und damit zu autonomem und kritischem Denken und Urteilsfähigkeit führen.
Transformative Lernprozesse sind dann erfolgreich, wenn sich die grundlegenden Muster, die dem menschlichen Wahrnehmen und Interpretieren zugrunde liegen, verändern. „Transformatives Lernen beinhaltet damit einen tiefen strukturellen Wandel der Grundannahmen des Denkens, Fühlens und Handelns. (...) Es beinhaltet unser Selbstverständnis und unsere Selbstverortung: unsere Beziehung zu anderen menschlichen Wesen und zur natürlichen Welt, unser Verständnis von Machtbeziehungen in verschränkten Strukturen der Klasse, der Rasse, des Geschlechtes, unser Verständnis des eigenen Körpers, unsere Visionen alternativer Lebensentwürfe und unseren Sinn für Möglichkeiten für das Erreichen sozialer Gerechtigkeit und persönlicher Erfüllung.“ (O'Sullivan /Morrell/ O’Connor 2002: xvii, Übersetzung durch Singer-Brodowski 2016).
Als “transformativ” wird Bildung verstanden, wenn es nicht nur um eine Erweiterung von Wissen oder Fähigkeiten/Kompetenzen geht, sondern um eine grundlegende qualitative Veränderung von Selbst- und Weltbildern. Es geht um erlernte Denk-, Fühl- und Handlungsmuster, um gewohnte Bewertungen und gesellschaftliche Leitbilder, Normen und Werte, an denen wir uns orientieren, um unsere Beziehung zu anderen Menschen und zur natürlichen Welt, unser Verständnis von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und von globaler Gerechtigkeit, unsere Visionen alternativer Lebensentwürfe und darum, wie wirksam wir uns sehen, wenn wir uns für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzen.
Es gilt Bildungsangebote zu entwickeln, die dazu beitragen, über Deutungsmuster und Überzeugungen ins Gespräch zu kommen und andere „Bedeutungsperspektiven“ (Jack Mezirow 1997) kennenzulernen, die vielleicht zukunftsfähiger sind, Menschen einzuladen, über die Widersprüchlichkeit der Welt nachzufühlen und nachzudenken und selbstbestimmt ihre eigenen Haltungen darin zu finden, um handlungsfähig zu sein.
Doch bringt uns immer weitere Wissensvermittlung einer nachhaltigen Gesellschaft wirklich näher? Was brauchen Menschen, um einen Wandel hin zu einer gerechten und zukunftsfähigen Welt aktiv mitgestalten zu können? Oder anders gefragt: welche Art von Bildung brauchen wir, die zu einem tiefgreifenden Wandel beiträgt? Welche tief verinnerlichten Denkmuster und Überzeugungen („Bedeutungsperspektiven“) stehen einem solchen Wandel im Weg? Was müssen wir auch verlernen, um unsere Handlungsmöglichkeiten zu erweitern?
Rund um diese Fragen hat sich in den letzten Jahren das Schlagwort Transformative Bildung etabliert. Vielfältige Hoffnungen sind damit verbunden. Transformative Bildung soll auf die aktuellen globalen Nachhaltigkeitsherausforderungen antworten und endlich ermöglichen, die Lücke zwischen Wissen und Handeln zu schließen. Die Konzeption einer transformativen Bildung wurde vor allem durch das Gutachten „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ des WBGU (2011) bekannt. Etymologisch lässt sich Transformation ableiten von „transformare“, d. h. umgestalten oder verwandeln. Transformation beschreibt folglich einen spezifischen Typus sozialen Wandels und (in Abgrenzung zu Transition) nicht nur den Wechsel von politischen Regimen, sondern tiefgreifende Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft.
Im Zentrum der Ansätze des transformativen Lernens steht die Frage, auf welche Weise Lernprozesse
bei Menschen zur Transformation ihrer bisherigen Einstellungen, (Vor-)Urteile und Meinungen und damit zu autonomem und kritischem Denken und Urteilsfähigkeit führen.
Transformative Lernprozesse sind dann erfolgreich, wenn sich die grundlegenden Muster, die dem menschlichen Wahrnehmen und Interpretieren zugrunde liegen, verändern. „Transformatives Lernen beinhaltet damit einen tiefen strukturellen Wandel der Grundannahmen des Denkens, Fühlens und Handelns. (...) Es beinhaltet unser Selbstverständnis und unsere Selbstverortung: unsere Beziehung zu anderen menschlichen Wesen und zur natürlichen Welt, unser Verständnis von Machtbeziehungen in verschränkten Strukturen der Klasse, der Rasse, des Geschlechtes, unser Verständnis des eigenen Körpers, unsere Visionen alternativer Lebensentwürfe und unseren Sinn für Möglichkeiten für das Erreichen sozialer Gerechtigkeit und persönlicher Erfüllung.“ (O'Sullivan /Morrell/ O’Connor 2002: xvii, Übersetzung durch Singer-Brodowski 2016).
Als “transformativ” wird Bildung verstanden, wenn es nicht nur um eine Erweiterung von Wissen oder Fähigkeiten/Kompetenzen geht, sondern um eine grundlegende qualitative Veränderung von Selbst- und Weltbildern. Es geht um erlernte Denk-, Fühl- und Handlungsmuster, um gewohnte Bewertungen und gesellschaftliche Leitbilder, Normen und Werte, an denen wir uns orientieren, um unsere Beziehung zu anderen Menschen und zur natürlichen Welt, unser Verständnis von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und von globaler Gerechtigkeit, unsere Visionen alternativer Lebensentwürfe und darum, wie wirksam wir uns sehen, wenn wir uns für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzen.
Es gilt Bildungsangebote zu entwickeln, die dazu beitragen, über Deutungsmuster und Überzeugungen ins Gespräch zu kommen und andere „Bedeutungsperspektiven“ (Jack Mezirow 1997) kennenzulernen, die vielleicht zukunftsfähiger sind, Menschen einzuladen, über die Widersprüchlichkeit der Welt nachzufühlen und nachzudenken und selbstbestimmt ihre eigenen Haltungen darin zu finden, um handlungsfähig zu sein.
Das Potenzial transformativer Bildung liegt damit in der (Selbst-)Reflexion(sfähigkeit) als Ausgangspunkt und Bedingung für (1) überlegtes Handeln, (2) eine veränderte Interpretation von Kontexten und Situationen sowie (3) für die Verankerung des Gelernten im dauerhaften Interpretations- und Handlungsrepertoire.
Transformative Lernprozesse ermöglichen
Transformatives Lernen schafft Lerngelegenheiten, in denen Menschen Erfahrungen mit Nachhaltigkeit machen und diese gemeinsam reflektieren (krisenhafte Erfahrungen, berührende Erfahrungen, Selbstwirksamkeitserfahrungen z.B. in der Realisierung konkreter Projekte) – ein Wechselspiel von Aktion und Reflexion, das über verschiedene Zugänge ermöglicht werden kann wie Zukunftswerkstätten, Planspiele, Podiumsdiskussionen, Nachhaltigkeitsprojekte. Auch eine Durchmischung der Lerngruppen mit Nachhaltigkeitserfahrenen und „Nachhaltigkeits-Newcomern“ kann hilfreich sein. Zentral ist die Intensität der Erfahrung und die Qualität der Reflexion darüber.
Transformative Lernprozesse ermöglichen
Transformatives Lernen schafft Lerngelegenheiten, in denen Menschen Erfahrungen mit Nachhaltigkeit machen und diese gemeinsam reflektieren (krisenhafte Erfahrungen, berührende Erfahrungen, Selbstwirksamkeitserfahrungen z.B. in der Realisierung konkreter Projekte) – ein Wechselspiel von Aktion und Reflexion, das über verschiedene Zugänge ermöglicht werden kann wie Zukunftswerkstätten, Planspiele, Podiumsdiskussionen, Nachhaltigkeitsprojekte. Auch eine Durchmischung der Lerngruppen mit Nachhaltigkeitserfahrenen und „Nachhaltigkeits-Newcomern“ kann hilfreich sein. Zentral ist die Intensität der Erfahrung und die Qualität der Reflexion darüber.
Suffizienz und Glück – Ideen und Ansätze für ein gutes gerechtes Leben
03.07.2020
Was ist Suffizienz überhaupt? Muss da nicht die Politik ran? Praktiziere ich das vielleicht schon in meinem Alltag? Warum brauche ich denn das alles, was ich verbrauche? Und wie gehören Suffizienz und Glück zusammen?
Sie gelten als die drei Bestandteile einer jeden Nachhaltigkeitsstrategie: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Und während Heizungen, Beleuchtung, Dämmung und Hausgeräte immer effizienter werden, die (Energie-)Effizienz mehr und mehr Bestandteil jeder Zukunftsstrategie in Politik und Unternehmen, in Stadtwerken und Kommunen wird, bleibt "Suffizienz" für Viele dennoch suspekt. Zu sehr wird das Konzept mit persönlichem Verzicht gleichgesetzt.
Suffizienz – was ist das eigentlich? Im Lateinischen bedeutet "sufficere" ausreichen, genügen, genug sein. Es geht bei der Suffizienz um die Frage nach dem rechten Maß und das gute Leben, individuell und kollektiv in globaler Verantwortung. Denn das umfassende Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist ein gutes Leben für alle Menschen, im Norden wie im Süden, jetzt und in der Zukunft. Damit gehören ein gutes Leben und ein gerechtes Leben zusammen.
Suffizienz heißt, Material und Energie zu sparen. Sie erstrebt den geringeren Verbrauch von Ressourcen durch eine verringerte Nachfrage nach Gütern, aber auch nach Dienstleistungen, wenn diese Energie und Material verbrauchen. Suffizienz versucht also nicht, bestehende Bedürfnisse mit weniger oder anderem Ressourcenaufwand zu befriedigen, sondern sie hinterfragt die Bedürfnisse selbst. Zunächst einmal bedeutet Suffizienz also zu fragen, wieviel genug sein kann.
Warum ist es überhaupt notwendig, sich mit Suffizienz zu beschäftigen? Gibt es nicht genug andere Lösungsmöglichkeiten für die drängenden Probleme dieser Welt? Bedeutet Suffizienz nicht, auf etwas zu verzichten, das wir uns Dank ständigen technischen Fortschritts ohne Probleme leisten können? Effizienzmaßnahmen und der Einsatz Erneuerbarer Energien reichen allein nicht aus. Sie müssen durch Suffizienzstrategien ergänzt werden, um ihre Wirkung voll entfalten zu können. Das zeigt auch der sogenannte Bumerang-Effekt, oder auf Englisch „Rebound“-Effekt, ein Phänomen, wenn trotz Energie- oder Material-Einsparmaßnahmen der Ressourcenverbrauch insgesamt nicht abnimmt, jedenfalls nicht in dem Maße, wie es rechnerisch möglich wäre.
Warum brauche ich denn das alles, was ich verbrauche? Eine auf Wachstum ausgerichtete Konsumgesellschaft ist darauf angewiesen, dass es viele unglückliche Menschen gibt, die aus den unterschiedlichsten Motiven heraus stetig konsumieren (meist um die innere Leere in sich zu füllen, sich gut zu fühlen, noch mehr zu haben, weil man sich selbst nicht gut genug und wertvoll fühlt). Daher sind wir auch nur allzu gern bereit, einem geschickten Marketing zu folgen, das andauernd neue Bedürfnisse in uns weckt. Dadurch wird permanent etwas Neues produziert. Produkte werden erzeugt, gekauft, sind nach kurzer Zeit wieder „out“ und werden vergessen oder gleich entsorgt.
Klar ist, dass Suffizienz viel mit der Veränderung von Verhaltensweisen zu tun hat, also mit alternativen Handlungsmöglichkeiten. Suffizienz erfordert einen Perspektivenwechsel und den Wandel von Einstellungen: Sie ist verbunden mit einem veränderten Verständnis von Wohlstand. Andere Dinge rücken in den Vordergrund. Statt des weit verbreiteten „Mehr“, „Noch besser“ und „Mehr als die anderen“ wird das „Genug“, „Gut genug“ und „Gemeinsam mit anderen“ wichtiger.
Suffizienz heißt ganz allgemein also:
• Die Überlegung zuzulassen, dass etwas genug sein könnte (und manches bei den einen bereits zu viel – bei anderen aber zu wenig ist).
• Wohlstand und Wohlbefinden neu zu verstehen und zu definieren.
• Die Begrenzung und Endlichkeit unserer natürlichen Lebensgrundlagen anzuerkennen und konstruktiv damit umzugehen.
• Offen über Gewinne, Verzichte, Verteilungskonflikte und Verantwortung zu sprechen.
• Mögliche Einschränkungen zu akzeptieren und neue Freiheiten wertschätzen zu lernen.
• Bereit zu sein für eine Veränderung des eigenen Denkens, einer veränderten Einstellung und Haltung, für vielfältige Perspektivwechsel!
Wir wissen nun, dass an Suffizienz kein Weg vorbeiführt, wenn wir den Ressourcenverbrauch eindämmen und sowohl Zukunfts- als auch Verteilungsgerechtigkeit ernst nehmen wollen. Doch was bedeutet das für uns und unsere Gesellschaft im Alltag? Kann denn der*die Einzelne überhaupt etwas bewirken? Oder sind wir nur im Kollektiv erfolgreich? Muss da nicht erst einmal die Politik entsprechende Voraussetzungen schaffen? Damit Suffizienz wirksam wird, brauchen wir entsprechende politische Rahmenbedingungen. Wir brauchen aber auch diejenigen, die als Einzelperson oder Gruppe, zu Hause, im Ehrenamt oder beruflich mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie suffizientes Leben im Alltag funktioniert. Mit Suffizienz kann jede*r sofort loslegen.
Die suffizienteste Antwort auf „Brauche ich das wirklich?“ lautet natürlich: „Nein!“ Viele Dinge „brauchen“ wir nicht, sondern „wollen“ sie einfach haben. Es lohnt sich also, alte Gewohnheiten zu hinterfragen (z.B. Shopping mit Freund*innen, Gegenstände als Statussymbole, sich belohnen mit dies und jenem für ein gutes Gefühl etc.) und sich Alternativen zu überlegen. Für viele von uns gehört Suffizienz bereits zum Alltag: Teilen, Tauschen, Leihen, Reparieren, Selbermachen sind nur einige gute Beispiele gelebter Suffizienz. Durch ein konsequentes „Weniger“ werden weniger Ressourcen ver(sch)wendet, weniger Energie gebraucht und weniger Müll produziert. Das gilt auch für alles, was wir schon besitzen, denn viele Dinge nutzen wir gar nicht und könnten sie gut weitergeben.
Suffizienz leben lässt sich auf alle Bereiche des Lebens übertragen und umsetzen: Suffiziente Ernährung, Suffizientes Wohnen, Suffiziente Mobilität, Suffizienz im Beruf, Suffizienz und das liebe Geld, Suffizienz und Gesellschaft. Auch für das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit ist der Suffizienzgedanke hilfreich. In unserer Gesellschaft fühlen sich immer mehr Menschen gehetzt, sind dauernd im Stress, haben „für nichts mehr Zeit“ - am Ende steht gar der Burnout. Manches spricht offensichtlich dafür, die Frage nach dem „Genug“ zu stellen: genug Konsum (und Gerümpel in Wohnung und Keller), genug Arbeit (aber keine Zeit für Freund*innen und Familie), genug Leistungsdruck (statt Freiraum für Muße). Nicht nur ökologische Gründe sprechen für eine Kultur der Entschleunigung und des „Weniger aber besser“. Suffizienz wird zunehmend auch im Zusammenhang mit Ergebnissen aus der Glücksforschung zitiert. Diese zeigen, dass Wohlbefinden nur bedingt mit materiellem Wohlstand zusammenhängt – wenn die Grundbedürfnisse einmal gedeckt sind, macht der nicht-materielle Anteil des Lebensstils das Glück aus: sich an mehr Freizeit erfreuen, um Freunde, Familie und andere soziale Kontakte kümmern, Muße, Kreativität und Spielfreude ausleben, sich sinnstiftender Tätigkeiten widmen, die Natur genießen.
Fazit: Ein nachhaltiger Lebensstil geht nicht zu Lasten der Lebensqualität. Wie wäre es dann, die Argumentation entsprechend umzudrehen und zu argumentieren, dass ein glückliches Leben Nachhaltigkeit befördert? Ein solcher Ansatz wäre für viele Menschen sehr attraktiv und würde sicherlich manche erreichen, die dem Thema Nachhaltigkeit (noch immer) distanziert gegenüberstehen, eben weil es (noch immer) mit imaginiertem Verzicht konnotiert ist.
„Zum Glück fehlt mir … nichts.“
Wirtschaft, Nachhaltigkeit und Endlich Wachstum! ein BNE Thema
07.05.2020
Wirtschaft prägt unser aller Leben und Alltag: beim Einkaufen, Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Hobby, Schule, Reisen, im Miteinander, … Schließlich soll die Wirtschaft unsere grundlegenden Bedürfnisse befriedigen und allen Menschen gleichermaßen ein gutes Leben ermöglichen. Doch was macht ein gutes Leben aus? Wie kann ein gutes Leben für alle erreichbar sein? In was für einer Welt wollen wir leben, damit dies gelingt? Ist das mit dem bestehenden Wirtschafts-Wachstumsmodell möglich? Welche Alternativen innerhalb und jenseits dieses Systems gibt es heute bereits? Und was hat das mit mir zu tun?
Am 06.06.2020 findet dazu unser Methodentrainings-Webinar zum Thema Endlich Wachstum! statt. Dabei ist eins klar: Wachstum ist nicht gleich Wachstum. In der Natur ist Wachstum begrenzt: Menschen wachsen, Bäume sprießen in die Höhe, aber irgendwann sind sie »ausgewachsen«. Bei der Wirtschaft soll dies jedoch anders sein, sie soll immer weiter und weiter wachsen: die Produktion, der Umsatz, die Zahl der Beschäftigten eines Unternehmens, die Auswahl an Produkten und unser Verbrauch. Angela Merkel formulierte es 2009 so: „Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen.“ Bisher galt bei uns also das Prinzip: Höher, schneller, weiter. Und von allem bitte immer mehr. Schließlich ist Wachstum wünschenswert und Entwicklung gut. Fortschritt ist notwendig und Wettbewerb positiv. Die Natur kann beherrscht werden und Technologie fast alles richten. So oder so ähnlich wird Wachstum immer noch als Lösungsstrategie für eine Vielzahl gesellschaftlicher Herausforderungen beschworen.
Doch kann die als normal und alternativlos geltende Vorstellung einer ewig wachsenden
Wirtschaft der Realität standhalten? Ist mit einem Wachstum der Wirtschaft wirklich ein besseres Leben verbunden?
Das Wirtschaftswachstum ist zu unserem Ziel und dem Anliegen der Politik geworden – mit verheerenden Auswirkungen: Unsere Art zu wirtschaften bringt gegenwärtig Millionen Menschen weltweit in Armut und Ausbeutung, während eine kleine globale Elite unglaublichen Reichtum anhäuft. Das schafft nicht nur Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, sondern höhlt auch demokratische Strukturen aus. Gleichzeitig sind wir drauf und dran, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Mit technischen Lösungen lassen sich diese Schäden längst nicht mehr reparieren. Wächst die Wirtschaft auf diese Art weiter, bedeutet dies in der Regel auch, dass immer mehr natürliche Ressourcen verbraucht werden und der Ausstoß von Klimagasen wie CO2 zunimmt. Insbesondere der fortschreitende Klimawandel hält es uns vor Augen: Wachstum stößt an Grenzen: ökologische, soziale und ökonomische. Doch warum soll die Wirtschaft trotzdem weiterwachsen? Hält Wachstum denn wirklich, was es verspricht? Welche positiven Auswirkungen kann Wachstum tatsächlich auf die jeweiligen Bereiche haben? Und welche kritische Perspektive lässt sich auf diese allgemein anerkannten Annahmen werfen?
Es stellt sich auch die Frage: Was wächst (noch alles), wenn die Wirtschaft wächst? Diese Frage scheint banal und bildet doch einen wichtigen Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit dem Thema Wirtschaftswachstum. Denn wer sich tiefergehend mit dieser Frage beschäftigt, wird schnell feststellen, dass jede Antwort wiederum neue Fragen aufwirft.
Und wozu wirtschaften wir denn? Doch im Grunde genommen, damit es uns und allen anderen Menschen auch gut geht. Immer mehr Wissenschaftler*innen, Organisationen und Aktivist*innen kritisieren daher eine Politik, die alles daransetzt, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst, was zwar als Wohlstandsindikator gilt, aber wenig über unsere Lebensqualität aussagt. Kostenlose Tätigkeiten wie nachbarschaftliche Hilfe, ehrenamtliches Engagement oder die Pflege von Angehörigen werden hier nicht mit eingerechnet, obwohl diese sinnvoll und wichtig für unser Zusammenleben sind. Sie plädieren stattdessen für eine positive Vision einer Gesellschaft jenseits des Wachstumsstrebens.
Veränderung und Verantwortung fängt immer mit der richtigen Frage an, die wir uns stellen und nach Lösungen suchen. Wie kann es anders/besser gehen? Welcher Mensch möchte ich sein in meinem Leben, in meiner Mitwelt, in der Welt? Wollen wir die Gesellschaft ökologischer und sozialer machen, reicht es nicht aus, nur die äußeren Bedingungen zu ändern. Wir brauchen auch einen tiefgreifenden kulturellen Wandel, um ökologisch nachhaltig und sozial gerecht zu leben und zu wirtschaften. Und Wandel fängt immer bei mir selbst an. Unzählige Ideen und gelebte Beispiele zeigen, wie wir unsere Wirtschaft und unser Zusammenleben Schritt für Schritt verändern können: Indem wir gemeinsam entscheiden, zusammenarbeiten und die Grenzen der Natur respektieren. Bereits gelebte Alternativen und Möglichkeiten, zum Beispiel aus den Bereichen Postwachstum und Degrowth, findet ihr unter anderem hier:
Buch "Kein Wachstum ist auch (k)eine Lösung"
FairBindung e.V., ein gemeinnütziger Verein aus Berlin, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu befähigen, sich mit Themen der sozial-ökologischen Transformation individuell und im Austausch mit anderen auseinanderzusetzen. Zentrales Element ihrer Bildungsarbeit ist das Sichtbarmachen von gelebten Alternativen, mit dem Ziel, Lernprozesse und neue Denkweisen anzustoßen, die es ermöglichen, den transformativen Wandel aktiv mit zu gestalten.
Für mehr Informationen und Kontakt zu FairBindung e.V. und Konzeptwerk Neue Ökonomie schaut auf
www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org
www.endlich-wachstum.de
Wir sind die Gestalter unseres Lebens und damit unserer Gesellschaft. Packen wir es gemeinsam an. Wenn euch das Thema anspricht und ihr die Inhalte und Methoden in eurer Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen gern anwenden und weitergeben möchtet, damit gemeinsam ein gutes Leben für Alle gelingen kann, dann seid am 06.06.2020 zum Webinar mit dabei. Meldet euch mit eurer Email-Adresse bis zum 02.06.2020 an unter k.ehlert@naturpark-duebener-heide.de.